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"Das Leben der Wünsche" - Thomas Glavinic

Wirklichkeit, Zufall und Schicksal - eine düstere Mischung
3/5 Sterne


Thomas Glavinic - Das Leben der Wünsche. Wer oder was von beiden ist düsterer?

 

Dieser Roman, geprägt durch schon eine fast banale Normalität, erfasst den Leser voll und ganz, während er nachwievor die Stellung eines Beobachters besitzt. Klar, bewusst erscheint Jonas die Wirklichkeit um sich herum wahrzunehmen, vor allem aber sich selbst. Dank der Fotos, die er 20 Jahre lang am Ersten des Monats schießt, besitzt er ein Dokument des Lebens, wie es wohl kein anderer auf der Welt zu seinen Besitztümern zählen darf.

Jonas, der mitten im Leben steht und auch schon einen Gutteil seines Lebens bereits gelebt und einen weiteren vor sich hat, begegnet eines Tages, rein "zufällig", einem seltsamen Mann, der ihm drei Wünsche zu erfüllen gedenkt. Wäre eben dieser schäbige Mann eine Fee gewesen, hätte man ihm das wohl abgekauft, aber da im realen Leben keine Feen existieren, müssen wir mit einem Mann, wie er geheimnisvoller kaum sein könnte, Vorlieb nehmen. Jonas wünscht sich das, was er will, allerdings ruft dies Missfallen bei seinem Gegenüber hervor.

Nein! Sie sollen sich nicht das wünschen, was Sie wollen, sondern das, was Sie sich auch wünschen! Irritiert versucht es Jonas weiter, bis er sich einfach weitere Wünsche wünscht, die ihm scheinbar gewährt werden, denn der Mann zieht von dannen, ohne weitere Informationen preiszugeben. Es bleibt Mißtrauen, Verwirrung und eine undefinierbare Leere, die sich allerdings recht schnell mit brutaler Wirklichkeit füllt. Nun, aber was ist Wirklichkeit? Wirklichkeit in diesem Roman? Oder ist es ganz einfach nur schicksalhafter Zufall oder zufälliges Schicksal?

 

Es geht weiter im Text. Nach dem Treffen geht der werte Herr seiner Tagearbeit nach, zerbricht sich erfolglos den Kopf über diesen rätselhaften Mann, dem er keinen Sinn abgewinnen kann. Wer aber sagt, dass alles einen Sinn beinhalten muss?

Plötzlich steigen seine Aktiengeschäfte, er wünscht sich eine Lösung für seine Affäre und findet seine Frau eines Abends, nachdem eben diese wortkarg und nachdenklich heimgekehrt war, tot in der Wanne vor; Herzversagen. Alles Zufall?

Plötzlich tun sich für unseren lieben Jonas Türen auf, über die er anfangs staunt, die er irgendwann hinterfragt und schließlich für ganz selbstverständlich hinnimmt. Seine Liebe zu Marie, mit der er seine Frau betrogen hat, ist an ihren Mann gebunden, will ihn nicht aufgeben, allerdings treibt sie der Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihrem Geliebten und ihrem Gatten in eine kleine Verzweiflung, die nur am Rande erwähnt wird. Im Mittelpunkt steht der allgegenwärtige Protagonist, der nun dem, was ihm entgegenkommt und dessen Stein er erst ins Rollen gebracht hat, trotzen will. Nein, nicht dem, was er ins Rollen gebracht hat, sondern seinem Innersten will er entgegentreten, denn schließlich waren es seine Wünsche und Begehren, die nun Form annehmen.

Er fängt an zu spielen, mit dem Schicksal, dem Zufall oder der Fügung, dies ist dem Leser ganz allein vorbehalten; er oder sie kann es sich aussuchen. Ebenso die abrupten Enden, die die ganze Serie an Ereignissen prägt, lässt dem Leser eine Freiheit zu, wie man es selten findet.

Seine Spiele, die ihm mehr und mehr Geld verschaffen, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit seitens der chronisch betrunkenen Kollegen, verschafft ihm schon beinahe den Rang eines Gottes. Er bestimmt über das Schicksal der Menschen um sich herum; ein regionaler Gott. Kurz nach dem Tod seiner Frau sieht er, wie ein Tankwart niedergeschossen wird, sieht das Flugzeug abstürzen, in dem er gesessen hätte; und bekommt schließlich die Frau, die er am meisten begehrte; sogar noch mehr, nachdem er das Geheimnis seiner Frau gelüftet hatte. Die Wunderheilung sei jetzt einmal Nebensache.

Schließlich, man sieht, es sind nur wenige Seiten noch zu lesen, fängt der Leser an, sich zu fragen, was noch alles passieren könnte, denn viel Zeit verbleibt nicht mehr. Eines aber weiß er, sofern er das Vorwort gelesen hat: Ein "Happy-End" ist nicht zu erwarten, sondern ein bewusst düsteres. Auch hier wieder bleibt dem Leser die Wahl: Wie will er es belassen?

 

Mit zunehmender Länge und der Häufung der Geschehnisse, spürt der Leser regelrecht, wie dumpf Jonas Welt wird, er nimmt nur noch alles durch Nebel wahr, er ist nicht mehr er. Er ist ein Aussenstehender, der nur noch seinen Körper lenkt; wie in einem Computerspiel. Er selbst hatte einst die Möglichkeit erwogen, dass wir alle in einem Computerspiel oder Computerchip seien, in oder auf dem unser Leben spielt. Warum sollte er nicht auch so sein?

Von Teil zu Teil entwickelt es sich zusehends düsterer, der Autor zeigt mit brutaler Banalität auf, was ein einzelner Mensch imstande ist, zu tun. Zu denken. Zu vollbringen. Wir fragen uns: Hat der Autor ein wenig in esoterischen Büchern gelesen? Schon der Anfang des Buches erinnert stark an "Bestellungen beim Universum" von Bärbel Möhr. 

Dieser Roman steht für schauerliche Düsternis, Schauergarantie und Verwirrung. Er lässt den Leser nicht los, gibt ihr oder ihm Ideen, die sich sogar im eigenen Leben umsetzen lassen und verschafft mit gnadenloser Realitätsnähe ein Gänsehautgefühl beim Leser, da er sogar einige Alltagssituationen aus dem eigenen Leben wiederfindet. Hier reichen sich Normalität und Irreaität die Hand und sagen Hallo zueinander.

 

Zum Autoren kann man allerdings nur eines sagen:

Thomas Glavinic - ein Name, der zukünftig für neuartiges Schreiben, Talent, Wahnsinn und Horror gelten wird.

17.8.09 11:20

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